zurück

Nihon ni


Wer ein Buch liest oder gar ein Buch schreibt, der ist kein Analphabet. Wer an einer "Faculté des Lettres" studiert hat (wie in Saarbrücken die Philosophischen Fakultät einst benannt wurde), der ist ein Mann der Buchstaben.

Der Großmeister der Buchstaben betrat Japan nicht unvorbereitet: Ein Japanisch-Lehrbuch hatte er studiert, CDs gehört, mit Auslandsjapanern einige Worte ausgetauscht. Voll Selbstbewusstsein stellte er schon im Flughafen eine Frage, die in Grammatik und Aussprache nur als vorbildlich bezeichnet werden kann. Die Antwort war ebenso vorbildlich, sehr höflich und ausführlich. Der Meister verstand kein Wort. Er verbeugte sich und sagte "Hai, wakari mashita!", was eine Lüge war, heißt es doch "Jawohl, ich habe verstanden!"

Dies tat er jedoch aus Rücksichtsnahme. In Japan ist es nicht üblich, sein Gegenüber zu beschämen oder in Verlegenheit zu bringen. Daher sagen auch Taxifahrer, denen man eine Adresse nennt: "Hai, wakari mashita!", wenn sie unser schlechtes Japanisch nicht verstanden haben. Man überreicht ihnen dann einen Zettel mit Schriftzeichen und einem Lageplan.

"Keiner versteht mich!", klagte der Meister. "Jammer' nicht!", belehrte ihn seine ebenso kluge wie strenge Tochter.

Nehmen wir an, Sie stehen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof und Sie kennen nur zwei deutsche Buchstaben. Sie Glückskind! Das deutsche Alphabet hat nur 26 Buchstaben, Sie kennen also ein Dreizehntel der Zeichen. Im Japanischen gibt es zwei Silbenschriften mit jeweils 46 Zeichen plus kleinen Symbolen, die z.B. aus "ta" "da" machen. Der Meister hatte all diese 92 Zeichen gelernt und las nun auf einem Plakat:

"Dieser wasweißich es geht um dumdideldei in schubidu ist, bitte."

Ihm fehlten jetzt nur noch ein- bis zweitausend Schriftzeichen, um Zeitung lesen zu können.

In japanischen Restaurants gibt es zum Glück oft Speisekarten mit Bildern für hungrige Analphabeten. Zusätzlich sind die Gerichte oft in Plastik-Version im Schaufenster zu sehen. So ging der Meister fröhlich in ein Lokal, nahm Platz und wartete auf die Speisekarte. Ein höflicher Kellner sagte (unverständlich) etwas Höfliches und deutete auf einen Automaten, wo man anscheinend Bons für Essen erwerben sollte. Auf den Tasten waren wunderschöne Schriftzeichen zu sehen, aber keine Bilder. "Japanisches Roulette" wollte der Meister nicht spielen, und er verlies hungrig das Lokal.

Japan erwies sich als Jungbrunnen: Wie ein Kleinkind buchstabierte der Meister Aufschriften an Geschäften: "Ma-n-ga" las er stolz vor, "Ta-ba-ko" verkündete er aus voller Brust. "Lies leise", ermahnte ihn seine ebenso schöne wie kluge Tochter, die die verwunderten Blicke der Passanten bemerkt hatte.

Kann ein Mensch diese Sprache lernen?, fragte sich der Lernbegierige. Selbst Japaner haben im Fernsehen oft (japanische!) Untertitel, weil alles so vieldeutig ist. Sprechen Sie Nihon abgehackt, haben Sie statt "Japan" womöglich "zwei" und "Bücher" gesagt, drehen Sie die Sache um zu Hon-ni, sind Sie nicht bei Erich Honecker, sondern im Buch.

Dem Meister schwirrte der Kopf. Er dankte für die Gelegenheit, sich in Demut zu üben und legte ein Schweigegelübde ab.

zurück